Meine Gedanken sind bei meinen Jungs: ist es richtig, was ich vorhabe? … oder bin ich doch eine egoistische Rabenmutter, die ihren Juengsten einer “fremden” Familie ueberlaesst? Gestern und heute hatte ich Matthi nochmals gefragt, ob das fuer ihn auch ok sei. Sagt er nur mir zu Liebe “ja” ? Als ich mich in FN von ihm (und auch von Nadine) verabschiedetee, bekam ich einen Hauch von dem Trennungsschmerz zu spueren, der einen laengeren Abschied begleiten wuerde. Traenen kommen hoch und ich gehe schnell durchs Gate, um es ihm nicht auch noch schwer zu machen. Trotzdem: eine SMS muss noch sein: “ ich habe euch sehr lieb !” – und von ihm zurueck: “wir haben dich auch lieb! Dein Matthias und Deine Nadine”. In Frankfurt suche ich nochmals meine Familie: Ich rufe Thomi und Kathi an. Loslassen? Es ist schwerer fuer mich als erwartet. Beim Schreiben kommen mir nochmals die Traenen. Der weissgekleideten Araber um mich herum werden immer mehr. Gebetsteppiche werden direkt neben mir ausgebreitet. Die Maenner knien mitten am Flugplatz nieder, verbeugen sich (nach Mekka?) . Eine kleine Insel Arabien mitten der europaeischen Hektik. Rundum geht das Leben weiter. Die Lautsprecherdurchsage bringt Bewegung in die Gruppe. Deutschland und damit Europa verabschieden sich von mir. Der Lufthansa/Flieger ist fast voll. Und ich bin ploetzlich “Gast” in der multikulturellen Welt. Ich befinde mich inmitten von Italienern, Spaniern, Arabern. Der suessliche Duft des Orients liegt bereits schwer in der Luft. Er wird wohl mein Begleiter in den naechsten Wochen sein. Wenn ich noch irgendwelche Zweifel gehabt haette; jetzt waere es mir klar. Die Bildschirm- und Lautsprecheransagen sind Deutsch, Arabisch und Englisch. Ich habe einen Flurplatz gewaehlt, damit ich bei 5,5 Std. Flug nicht so gefangen auf meinem Fensterplatz sitzen muss. Bei der Flughoehe und den Wolken sieht man auch nicht viel. Geschwindigkeit: 560 mph – Hoehe 35.000 feet – Temp -58 Grad C ueber den griechischen Inseln. 19.20 h (deutsche Zeit) = 20.20 h Ortszeit Jeddah. Wir sind gelandet. Die Lautsprecherdurchsage laesst mich aufhorchen und auch zusammenzucken: “… die Damen werden gebeten, eine Kopfbedeckung anzulegen. Die habe ich natuerlich nicht dabei. Ich sehe mich schon verhaftet, weil ich keine Kopftuch trage. Etwas verunsichert gehe ich die Gangway runter. Unten fahren 2 dicke Daimler vor, jeweils 2 in weisse Tuecher gehuellte Herren steigen aus und holen ihre Fluggaeste ab. Am Fusse der Treppe stehen auf beiden Seiten bewaffnete Araber. Schreck und Panik – aber nichts geschieht. Die beiden deutschen Frauen mustern mich aber trotzdem mitleidig waehrend der Busfahrt zum Flughafengelaende. Im zeltartigen Flugplatzgebaeude werde ich dann von einem Mitarbeiter von Shk Kaled erwartet. Erleichterung! Vorbeigelotst an den Einreiseschlangen komme ich an einen extra fuer mich geoeffneten Schalter. Computerausfall! Ich setze mich neben einige wartende Musliminnen in einer schoenen Ledergruppe. Mein Abholer erledigt alles fuer mich. Praktisch. Ich nutze die Zeit, um das WC aufzusuchen. Hinter mir ertoent ein lautes: STOP!. Schreck! Das fehlende Kopftuch? Nein, ich war nur auf der falschen Seite gelaufen. Das ging ja nochmals gut. Im WC dann 3 Tueren: 1.Tuer: emailliertes Loch im Boden und Gartenschlauch an der Wand. Kein Haltegriff, kein Aufhaenger fuer die Taschen: Akkrobatik waere gefordert! 2.Tuer: das selbe. Also gut….. Ich habe alles relativ unfallfrei geschafft, die Rinne ausgespritzt mit dem Schlauch und ich war immer noch trocken. Habe ich gut gemacht! Raus, Haende waschen. Im Spiegel sehe ich durch die offene Tuer das 3. WC: Shit! Das waere ein europaeisches gewesen. Zurueck auf meinen Sessel und weiter warten. Der Flughafen wimmelt von bewaffneten Polizisten / Militaer? Aber jetzt weiss ich: es ist nicht wegen meiner offenen Haare. Ich hole mein Tagebuch raus und nutze die Zeit unter den fragenden Blicken der Bewaffneten. Irgendwie ist alles wie zuhause im Buero. PC geht nicht. Alle reden Dinge, die ich nicht verstehe, der Grund des Ausfalls ist keinem klar. Jeder wartet auf seinem Platz – mit einem Unterschied: alle sind froehlich. Kaffee wird gebracht. Die Mitarbeiter gruppieren sich an einem Schalter. Die Schlange der Wartenden wird immer laenger. Die Flughafenbusse bringen fleissig Nachschub. Jetzt kommt auch mein Fahrer. Sein Telefon klingelt fleissig. Er wird unruhig “Sidi” macht wohl Druck. Und dann ist alles wieder ok und ich bekomme meinen Pass zurueck. Mein Abholer bringt mein Gepaeck zum Ausgang und dort warten 2 Araber auf mich. Eskortiert von allen 3en gehe ich ueber den kreuz- und quer beparkten Vorplatz, die heisse, feuchte Luft gefuellt mit lauten arabischen Stimmen. Dann die Fahrt durch die hell erleuchtete Vorstadt, lange Alleen, Palmenhaine und immer im Hintergrund den 220 m hohen Springbrunnen. Vorbei am Verwaltungs-Glas-Palast der Juffalis, vorbei am Koenigspalast und dann biegt der Jeep ab in die Einfahrt des “Hauses”, wie diese Residenz von allen bescheiden genannt wird. Direkt nach der Einfahrt eine wunderschoen angelegte Sichtschutzmauer, der Weg biegt zuvor ab und hinter der Mauer ein Gedicht von angestrahlten Palmen, der gesamte Innenhof aus Marmorboeden, hohe Saeulen, Spitzboegen und das “Haus”. Wo faengt es an, wo hoert es auf? Fliessender Uebergang zwischen Haus und Garten, lange Flure. Sir Khaled kommt mir entgegen, flankiert vom Buttler und Assad, den ich schon von meinem Vorstellungsbesuch in Cannes her kenne. Sir Khaled begruesst mich sehr herzlich und entschuldigt sich fuer die Unbill am Flughafen. Ob die wenigstens alle freundlich zu mir waren? Aber ja ! Erst etwas essen oder erst kurz aufs Zimmer? Vorbei an den Kinderraeumen, Ahmed, Haja und Dana schlafen schon, Lulu habe ich kurz begruesst. Vorbei an Lern- und Spielzimmer, liegt am Ende des Flurs mein Zimmer. Hell erleuchtet, frisches Obst und Blumen, Wasserkaraffe auf dem Nachttisch, ein Kleiderraum, ein Bad. Handtuecher, Seifen, Cremes, Shampoos, Deo, Q-Tips, Kleenex, Bademantel … alles da! Ich mache mich kurz frisch und suche den Rueckweg. Den langen Gang zurueck bis zum Eingang, rechts abbiegen und dann stehe ich in der naechsten Halle und weiteren Fluren. Geschirr klappert – da scheint es zur Kueche zu gehen. Also links ab, ich hoere den Fernseher. Frau Juffali (Madame Olfat) telefoniert. Sie winkt mich herein. Sir Khaled im weißen Kaftan bittet mich zu sich aufs Sofa. Der Buttler (Malcolm) und ein Diener stehen im Hintergrund. Champagner? Aber doch: Begruessungstrunk. Herzlich willkommen! Madame begruesst mich wie eine alte Freundin: Ahmed hatte heute seinen ersten Schultag (eine Woche spaeter, da er noch einen Unfall mit dem Jetski hatte und sich dabei eine Kopfverletzung zugezogen hatte). Mir wird Salat serviert, dazu Putensandwiches und Pommes. Vor den Tisch ein kleiner Schemel – das ist mein “Stuhl”. Wir erzaehlen uns und lachen viel. Fuer Juffalis scheint alles bereits beschlossene Sache zu sein. Ab wann ich denn, ob es Weihnachten in der Schweiz sein koenne ? Man muesse das Chalet buchen. Tja, fruehestens ab 26.12. – ich setze aber gleich dazu: die 2 Wochen wird es doch sicher noch Zeit haben? Ich soll mich wie zuhause fuehlen, mir alles ansehen, mich frei bewegen, morgen erst mal ausschlafen, dann schwimmen gehen, fruehstuecken und um 11.oo h mit Madame zur Schwiegermutter fahren. Danach holen wir gemeinsam die Kinder von der Schule ab. Ich gehe auf mein Zimmer, packe meinen Koffer aus, stelle meine Uhr 1 Stunde vor, geniesse nochmals den Blick aus meinem Fenster in die angestrahlten Baeume und lasse den Tag Revue passieren. Von meinem Zimmer aus kann ich nachhause telefonieren. Aber heute ist es zu spaet dazu: 1.oo h in Deutschland. Mein Aufenthalt hat begonnen.
Sonntag, 21.9.03
7.oo h – draussen ist es hell und ich hoere die Kinder im Flur. Eigentlich sollte ich aufstehen, aber 1 Std. spaeter wache ich wieder auf. Es ist angenehm kuehl im Zimmer und kaum zu glauben, dass es draussen heiss sein soll. Ich dusche und werfe meine Schmutzwaesche in den Korb. Am Kinderfruehstueckstisch wartet Mila auf mich. Jetzt erst sehe ich die “Kleinkueche” in der Ecke des Spielzimmers. Mila, Josi und Susi trinken mit mir Kaffee. Anschliessend gehe ich einmal ums Haus. Die Einfahrt ist ein einziges Marmorpuzzle, gepflegt angelegte Rasen- und Blumenbeete im Wechsel. Sitzgruppen an jeder Ecke, Wege zwischen den Baeumen, ein wunderschoenes geschnitztes Gartenhaus so gross wie meine Wohnung. Staun! Und dann hoere ich Wasser plaetschern und naehere mich einer grossen Anlage: Felsen, Wasserfall, Bruecken, Pools und Sitzgruppen in Nischen … ueberall Palmen und haushohe Benjaminis dazwischen. Dahinter der Spielplatz: ein Spielhaus, ein Baumhaus (beide eingerichtet und mit Klimaanlage versehen). Ueberall Wasserlaeufe mit Springbrunnen dazwischen. Um die Ecke komme ich an die Garagen, die Tiefgarage wird nur als Anlieferungszone benutzt – erfahre ich spaeter. Mindestens 4 Gaertnern bin ich auch meinem Weg begegnet, einem Fensterputzer und etlichen Fahrern. Zurueck in die Kuehle des Hauses. Sir Khaled ist auf dem Weg zur Arbeit … er kommt 14.30 h zum Lunch wieder. Seine Mutter ist leider bereits abgereist nach London, mit dem Besuch wird es also vorerst nichts. Dann treffe ich Madame im Haus. Sie moechte mit mir in die Stadt, haendigt mir “meine Abbaja” aus und den samt- und strassgeschmueckten Schal dazu. Den darf ich aber einfach um den Hals haengen lassen und muss mich nicht damit verhuellen. Insgesamt fuehlt es sich nicht schlecht an, und die Ausgeschlossenheit, die ich auf dem Flugplatz empfand, ist verflogen. Der weisse Daimler samt Fahrer wartet vor dem Haus. Madame zeigt mir die mall: riesige Einkaufszentren mit allen gaengigen Designernamen … eines nach dem anderen. “Hier kann man wunderschoen einkaufen” meint sie. Sehe ich auch so …. Aber ueber ihr Kartenspiel an gedeckten Scheckkarten verfuege ich leider (?) nicht. Sie kauft ein Paar Varucci(?)-Schuhe, waehlt sorgsam aus den Scheckkarten und legt damit 1400 SR auf den Tisch. Einfach viel preiswerter als in Paris! Wir gehen Kaffee trinken. Es muss ein “Starbucks” sein. Der Driver faehrt kreuz und quer und sucht. Kaffee, Wasser - wir unterhalten uns. Entspannt, Froehlich … Die angefangene Wasserflasche steckt Madame in die Handtasche. Wir machen eine Stadtrundfahrt. Am Meer entlang. Orientalische Gebaeude, viele Baustellen, viele Fun-Plaetze fuer die Kids. Aber einladend.
Es wird Zeit, die Kinder von der Schule abzuholen. Strassenschwellen, Schranken, wir sind da. Das Schulgelaende ist von einer hohen Mauer umgeben – wie alle Grundstuecke hier. Wir gehen durch das Eingangstor und stehen in einer Schleuse, ca. 2 x 2 m, aber 4 m hoch. Ein kleines Guckfenster, ein Waechter: wohin wollen wir? Passierschein? Es ist bruetend heiss in dem Quadrat. Wir duerfen passieren und sind jetzt auf dem Gelaende der “British International School of Jeddah”, der Continentalschool. Ein weitflaechiges, offenes Gelaende mit Strassen, Gehwegen, Wiesenflaechen. Eine Gruppe Kinder kommt vom Schwimmunterricht zurueck, sie laufen in ihren Badeanzuegen mit den Handtuechern ueber den Schultern ueber die Strasse. Es gibt einen Kindergarten, Grundschule, Mittelschule und Highschool. Hier ist es ruhig und verkehrsfrei, vor jedem der Gebaeude ist ein altersgerechter Spielplatz mit Rutschen, Klettergeruesten, Sandkaesten und natuerlich viel Wasser. Jedes Kind hat vor dem Klassenzimmer einen Haken, an dem es seine Sachen aufhaengen kann. Jacken haengen hier bei der Temperatur natuerlich keine. Die Schulkinder bieten alle ein einheitliches Bild: Schuluniform ist Pflicht – weisse Poloshirts mit dem Schoollabel, blaue Hose, weisse Socken und weisse Schuhe. Wir holen Dino, den Erstklaessler direkt im Klassenzimmer ab und seine Lehrerin uebergibt ihn uns. Haya darf sich schon frei auf dem Gelaende bewegen und sie wartet auf den Baenken des ueberdachten und beschatteten Vorplatzes ihres Schulgebaeudes auf uns. Am Ausgang des Schulgelaendes ist aber erst mal Stop fuer die Kids: hier koennen die Kleinen nur in Begleitung der Eltern bzw.der Abholberechtigten passieren.
14.30 h ist heute Lunchtime mit Papa im Dinnerroom der Familie. Assad fuehrt mich an meinen Platz, rueckt mir den Stuhl zurecht und schenkt mir Wasser in den silbernen Kelch. Der grosse Glastisch ist wunderschoen gedeckt – Blumen liegen verstreut auf der Platte, farblich abgestimmte Tischsets, Servietten, Silberbesteck und vor jedem Gedeck in Silberbecher fuer das Wasser. Daneben die Wein- und Saftglaeser. Die gleichen Blumen bluehen in den Vasen auf Sideboards an den Schmalseiten des Esszimmers. Heute ist das Esszimmer mit dem Rosentalgeschirr ‘le voyage de marco polo’ eingedeckt. In den vielen Platten und Schalen liegen Artischockenherzensalat, gemischte Salate, Fisch, Spargel, Spaghetti, Reis und Gemuese, dazu Brot und orientalische Fladen und in kleinen Schaelchen Auberginendips. Lecker ! Assad serviert und der Butler Malcolm ueberwacht alles diskret im Hintergrund und greift zwischendurch selbst ein, wenn an beiden Tischseiten die Teller gleichzeitig geleert sind. Zwischendurch kommen Haya, Lulu und Dana aus der Schule. Die einzige, die mich ehrlich und froh begruesst, scheint mir Dana zu sein. Die Kinder blocken ab und geben mir in tausend Kleinigkeiten zu verstehen, dass ich “nicht dazu gehoeren” soll. Tja …..
Spaeter setze ich mich im Spielzimmer an den Tisch und beginne Fische zu falten. Haya wird neugierig … und setzt sich dann doch zu mir. Dino wird ins Karate gefahren, Dana zum Fitnesstudio. Die einzige, die sich an diesem Nachmittag auf ihre Hausaufgaben konzentriert, ist Dana. Die uebrigen sind ausgesprochen uebellaunig. “Das ist normal und immer so” meint Mila. O je ……

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